Nach einem guten Frühstück und einem ausführlichen Schwätzchen nahm Rehle uns mit auf die Post nach Petersham.
Dort konnten wir endlich Reinholds Hose fischen, die der Motelbesitzer unfrei an Rehle schicken sollte - und komplett falsch adressiert hatte. Einzig der Postcode hatte gestimmt. Rehle hat sich schrecklich geärgert, denn sie hatte den Kerl am Telefon alles mehrfach erklärt und buchstabiert und trotzdem hat er alles falsch gemacht. Außerdem hatte sie die Typen auf der Poststelle tagelang mit Anrufen bombardiert, ob denn nicht ein COD Päckchen für sie angekommen sei. Und was sie am meisten ärgerte, war dass sie doof vor denen dastand, so als ob sie nicht in der Lage gewesen sei, ihre Adresse korrekt weiterzugeben.
Wir fanden die Sache eher amüsant. Reinhold hat sich ganz besonders gefreut, seinen weit gereisten, lange vermissten Gürtel nun endlich wieder zu haben. Dafür zahlten wir gerne die Nachnahme-Gebühr. Freundlicherweise gab uns der Postmensch denn auch das komplett falsch adressierte Päckchen, als wir ihm beschreiben konnten, was sich darin befand. Ich bezweifle sehr, dass ein deutscher Postbeamter das gemacht hätte.
Danach warf uns Rehle mit "Have a nice day!" an der Bahnstation regelrecht raus, ohne dass wir einen Plan hatten, was wir nun eigentlich tun wollten. Na gut, Achselzucken, fahren wir halt noch mal in die Stadt. Dort aßen wir in dem asiatischen Food Court zu Mittag, von dem wir beim ersten Mal so begeistert gewesen waren. Diesmal schmeckte es uns nicht einmal mehr halb so gut und kam uns viel zu schwer vor. Wir waren schon ganz verdorben von den guten Sachen, die Rehle uns gezeigt hatte. Danach einen Juice, und kleine Pause bei einem Espresso in einem Café im QVB.
Dann zum Powerhouse Museum. Wieso haben wir das zu Fuß gemacht? Das war eine Weltreise! Im Museum haben wir uns die "Walls of China" Ausstellung angesehen, die in Australien zum ersten Mal in einem Land außerhalb Chinas gezeigt wurde. Hier wurde die Geschichte der chinesischen Mauer von Anfang an über die Dynastien hinweg erzählt. Und das sehr interessant, mit Filmeinblendungen und kleinen Spielen. Auch ein originaler Terrakotta-Krieger war ausgestellt. Die restlichen Ausstellungen des Powerhouse haben wir leider nicht mehr alle ansehen können, weil das Museum nicht mehr so lange offen hatte.
Da gab es noch allerhand zu sehen: Technologiegeschichte (Lokomotiven, Dampfmaschinen usw., technische Innovationen aus Australien, Australiens TV-Geschichte, Grafik Design (gigantische Zeichnungen von Nathan Jurevicius), gesellschaftliche Geschichte einzelner Immigranten, Einrichtungen usw., und, und, und). Alles in allem ein interessantes und abwechslungsreiches Museum (für 10$ p.P.).
Als man um 17.00 die Tore schloss, beschlossen wir, zum Darling Harbour zu gehen. Dort spazierten wir zunächst einmal ins Sydney Cultural Centre und wurde direkt in eine Didgeridoo & Clapstick Performance komplimentiert. Es war ein Aboriginal Künstler in seinen Zwanzigern, der wie bei allen Aboriginal Musikanten heute modern, seine Kunst mit der Untermalung einer Rhythmusmaschine zum Besten gab. Nach dem Lied ermutigte er das Publikum, ihm Fragen zu stellen, egal ob es um seine Person, seine Kultur oder seine Musik ging.
Reinhold bat ihn um eine echte Solo-Darbietung. Der Künstler war offensichtlich überrascht und klärte das Publikum zunächst mal über die Funktion des Digderidoos auf. Was wir auch nicht wussten: Das Digderidoo ist nur eines von vielen Begleitinstrumenten der Aboriginals, es dient zur Untermalung ihrer Geschichten und ihres Gesangs. Im Zentrum ihrer Kunst stehen die Lieder, die traditionell mündlich überliefert werden. Die Karriere des Didgeridoos als Soloinstrument begann erst mit dem zunehmenden Tourismus. Da Didgeridoo ist auch nur für einen kleinen Teil der Aboriginals überhaupt traditionell von Interesse. Ursprünglich, so erzählte er, hat er das Didgeridoo als Begleitung zum Gesang seines Großvaters gespielt, der zwischenzeitlich gestorben ist.
Dann erfüllte er Reinholds Wunsch und spielte ein Solostück nur mit Didgeridoo und Clapsticks. Das war sehr hörenswert. Was er uns nach der Vorstellung noch sagte: er fand es toll, mal wieder solo spielen zu können und zu wissen, dass das Publikum es so hören will. Am meisten sind Deutsche und Schweizer begeistert von dem Didgeridoo; er denkt, in Europa gibt es mehr Leute, die dieses Instrument spielen als in Australien. Trotzdem spielt er es gerne, denn er findet, dass es hilft, eine Brücke zwischen der Aboriginal- und der weißen Kultur zu schlagen.
Aber zurück zum Konzert: Als letztes spielte er noch ein Stück mit Playbackuntermalung und einer kleinen australischen Diashow. Schon hübsch gemacht, aber ganz klar an Touristen adressiert. Dazwischen forderte er sein Publikum immer wieder auf, ihm Fragen zu stellen: er verstand sich als Vermittler und Aufklärer zu seiner Kultur und wollte deshalb alle Fragen, die die Leute zu Ureinwohnern im Allgemeinen und zu seiner Person und Familie im Besonderen hatten, beantworten.
Das war wie ein Striptease vor wildfremden Menschen, das fand ich schon bewundernswert. Ein Mensch muss definitiv ein aufklärerisches Anliegen haben, wenn er dazu bereit ist. Wir erfuhren so, dass er ein Halfcast war, mit einem Vater "who loved the process of producing children but not of raising them". Seine Mutter ist irisch-schottischer Abstammung und er hatte bald einen Stiefvater. Seinen leiblichen Aboriginal-Vater hat er nie kennen gelernt. Er wurde liebevoll erzogen, aber als Teenager geriet er in die Sinnkrise, denn die Haut ist nun mal dunkel und das, ohne dass man seine Wurzeln kennt. Und so kam er in Schwierigkeiten, denn er hatte das Gefühl, zu niemandem zu gehören, keine Wurzeln zu haben. Er geriet mit dem Gesetz in Konflikt und wurde zu Sozialdienst verurteilt. In diesem Zusammenhang lernte er endlich die Familie seines Vaters kennen und sein Großvater wurde zur wichtigsten Bezugsperson für ihn, die ihn auch die alten Traditionen lehrte und die alten Lieder.
Wie ich ihn verstanden habe, tendieren Aboriginals dazu, ihre Traditionen auch in Zukunft mündlich weiterzugeben. Diese Tradition hatte schließlich seit 30 000 Jahren Bestand. Seiner Ansicht nach würde jedes Aufzeichnen den Untergang dieses Wissens nur beschleunigen, denn was man lesen, oder auf CD hören kann, muss man nicht mehr lernen.
Wir haben in einer Dreiviertelstunde eine Menge erfahren. Einiges davon hat das bestätigt, was ich bereits zuvor darüber gelesen hatte. Die Probleme durch die Verlorene Generation: eine ganze Generation, die aus ihren Familien gerissen wurde, um sie nach westlichen Vorstellungen zu assimilieren, die ihre Traditionen nicht lernen durfte, z.T. ihre Familien nie kennen gelernt hat und dazu erzogen wurde, ihre eigene Kultur und Sprache als Teufelswerk zu betrachten. Diese "Lost Generation" hat nun selbst Kinder, und diese Kinder wissen nichts von ihren Ahnen, denn die Eltern können ihnen nichts weitergeben. So werden viele von ihnen straffällig und zu einem großen Problem für die Gesellschaft. In den Schulen wurde lange nichts zur Aboriginal-Geschichte und Kultur gelehrt, das ändert sich erst in jüngster Zeit. Und dann das Beste: Gerade mal 4% aller in Australien lebenden Weißen haben Kontakt zu Aboriginals.
Der Künstler meinte auch, es gebe viele Vorurteile. Es ist ihm sehr wichtig, ein Bewusstsein zu schaffen. Das gelingt ihm bei vielen Touristen besser als bei den Einheimischen (oft sind Dt. die Interessiertesten an diesem Problem).
Nach der Vorstellung überlegten wir, in das Sydney-Aquarium oder in die Wildlife World zu gehen aber die fast 30$ p.P. Eintritt und der Umstand, dass wir an diesem Tag schon so viel gesehen hatten, hielten uns davon ab.
Stattdessen suchten wir uns eine nette Kneipe am Hafen, um noch ein Bier zu trinken. Wir landeten im John M. Squire und tranken ein Ale. Aus dem einen Bier wurde ein Gelage. Erst gab uns ein Melbourner lettischen Ursprungs eine Runde aus. Er war Risk Manager und sprach ein bisschen Deutsch. Wir quatschten über alles Mögliche, während er ganz offensichtlich den Anblick der 17 und 18 jährigen Mädchen genoss, die in Schale geworfen und augedonnert am Quay darauf warteten, das Tanzschiff zu ihrem Abschlussball zu besteigen.
Als er sich dann verabschiedete, quatschten wir erst mit drei, dann mit zwei Typen zu unserer Rechten. Das waren Dave, Programmierer und Dean Mc Donald, SysAdmin bei Telstra und schottischer Herkunft. Da wurden Runden ausgegeben und Unsinn gelabert, was das Zeug hielt. Wir lernten, dass Golden Ale besser schmeckt als Pale Ale. Dabei waren die Jungs schon recht blau als wir sie kennen lernten, und das wurde durch die oft vulgären Sprüche untermalt. Wir lernten u.a. auf die Frage, wieso zum Henker die Australier denn so auf diesen John Howard als Premierminister abfahren, das sei "because, see, the Australians are all dickheads 'xcept me and Dave - ALL DICKHEADS!" Tja, schon witzig, die beiden.
Und weil wir nicht so waren, haben wir unserem Freund Niko für 5 Millionen TRIO-BILLIONEN eine MMS mit einem Bild von uns im Pub nach Deutschland geschickt.
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